Über das diffuse Gefühl im Magen

Letzte Woche lag mir etwas auf dem Magen. Physisch, irgend ein Käfer, irgendwas Falsches gegessen. Aber auch im übertragenen Sinne.
Solche Tiefs sind mir bekannt. Seit ich weiss, was genau los ist- Angststörung mit depressiven Episoden und ja, damit gehe ich offen um – kenne ich es sogar noch besser und kann damit gut durchs Leben kommen. Dennoch laugen sie mich jedes Mal aufs Neue aus. Letzte Woche besonders, weil auf einmal dieses Gefühl so diffus wurde. Ich konnte nicht zuordnen, woher diese “seelische Verstimmung” dieses Mal kam.
Ich muss solche Dinge immer aufarbeiten – für mich, aber immer mit der (professionellen) Hilfe von Anderen. Doch das fiel dieses Mal irgendwie schwerer. Meistens erscheint mir der Grund deutlich, ich kann schnell und effektiv handeln und das aufarbeiten. Doch jetzt…? Nur dieses diffuse Gefühl im Magen.

Dennoch probierte ich es, ich nahm kurz Distanz von Dingen, die mich im Moment auslaugten und Kraft kosteten (Hallo Twitter-Freunde, ihr erinnert euch?) und packte meine Gedanken beim Schopf.
Bis mir klar wurde… da steckt was fest. Tief fest. Ich, die sonst immer alles versucht aufzuarbeiten, ich habe da was gehörig verdrängt. Und das verhockt jetzt meine Synapsen etwas, sodass sie nicht mehr so ganz funktionieren.

Ich diskutierte und redete, mit mir selbst (das klingt verrückter als es ist), mit anderen. Und ich habe die Dinge, die ich verdrängt habe, Stück für Stück herausgearbeitet – das sind übrigens Skills, die ich mir über die Jahre angeeignet und von (professionellen) Helfer:innen gelernt habe. Sucht euch also ohne Scham Hilfe, das bringt wirklich nachhaltig was, ich versprech’s euch.
Dadurch habe ich mir zwei Fragen herausgearbeitet, die mich offensichtlich beschäftigen und zu denen ich keine wirkliche Antwort wusste, was mich mehr runterzog als ich mir eingestehen wollte.
Und ja, Fragen, wie eine wahre Akademikerin also… aber Scherz bei Seite, wie bei einer wissenschaftlichen Arbeit hilft auch bei persönlichen Dingen eine Frage als Leitfaden zur Problemlösung – so stumpfsinnig das jetzt klingen mag, probiert’s mal aus.

Die Fragen, die mich irgendwie beschäftigt haben, deren ungewisse Antwort ich aber zu verdrängen versuchte:

Wie spricht man über den eigenen Erfolg in einer Zeit, in der es vielen nicht gut geht?
Wie geht man mit Verlustängsten um, ebenfalls in einer Zeit, in der so viele Menschen uns verlassen? 

Darf ich’s euch erklären?

2020 und 2021 waren geprägt von so vielen grossen und persönlichen Schicksalen, vor allem durch die globale Pandemie. Vielen ging es nicht gut, gesundheitlich durch eine Erkrankung mit dem Virus, finanziell, mental, viele Menschen erlebten Trauer, auf die ein oder andere Weise.
Auch für mich waren es wirklich schwierige Jahre – und doch… auf völlig paradoxe Weise auch die besten meines Lebens. Nur schon dies zu tippen, fühlt sich fast falsch an. Aber es ist nun mal so. Ich habe 2 Jobs gekriegt, die mich unheimlich erfüllen und die mir Wege öffnen zu Dingen und Träumen, die ich eigentlich schon längst begraben habe. Und jetzt plötzlich sind diese Träume nicht mehr bloss Miragen einer dunklen Hoffnung, sondern ganz reale, erreichbare Ziele.
Dennoch fühle ich mich schuldig – trotz all der Jahre an persönlicher Entbehrung, harter Arbeit, Rückschläge, und was für welche… trotzdem fällt es mir schwer, diese monumentale Entwicklung zu geniessen. Ein persönlicher Triumph währenddem andere alles verloren haben?
Auch wenn ich weiss, dass ich das durchaus verdient habe – dessen konnte ich mir zumindest bewusst werden – das Gefühl der Scham vor dem Erfolg geht nicht völlig weg. Und ich weiss auch noch nicht ganz, wie ich damit umgehen kann.

Trotz dieses Erfolgs umfasste mich auch in dieser Zeit eine Trauer. Auf ganz unterschiedliche Weise.
Zum einen durch den Verlust eines lieben Freundes, der mich auf eine Weise erschüttert hat, die ich mir – Überraschung! – nicht eingestehen wollte. Ich dachte, ich hätte nicht das Recht so zu trauern, wie ich es vielleicht wollte. Schwachsinn! Das sehe ich jetzt auch. Aber Trauer ist ein Prozess, stetig wandelnd.
Auf andere Weise trauerte ich um eine Welt, wie ich sie mir eigentlich so sehr wünschte, wie ich sie vielleicht zu Beginn dieser Pandemie sogar noch sah, ein Welt – so kitschig und utopisch dies auch klingen mag – die ganz ernsthaft auf Solidarität und Miteinander baut. Trauer ist diffus.
Was ich jetzt kriege sind Menschen, die auf die Strasse gehen, um lauthals Dinge einzufordern, die ihnen nie jemand wegnahm, bloss weil sie das “Wir” für einen Moment vor das “Ich” stellen sollten. Menschen, die nach einer Freiheit rufen, ohne zu merken, dass sie ohne gar nie rufen könnten und durch ihr Rufen, diejenige ihrer Mitmenschen mit Füssen treten und zertrampeln.
Ich kriege Menschen, die sich abwenden anstatt sich zuzuwenden, vom Gespräch weg anstatt mit offenem Ohr zu.
Und natürlich gibt es immer noch Spuren von Miteinander, von liebevollen Gesten, von tiefen Gesprächen, vom Lachen. Natürlich gibt es die. Diese kleinen Wunder des Alltags beglücken mich auch. Und die werde ich mir auch nicht nehmen lassen und denen werde ich mich auch nie verwehren. Aber ja, ich trauere auch hier ein wenig – um die Chancen, die hätten sein können.
Um hier nochmals ein völliges Klischee zu bedienen, aber wie eigentlich immer fand ich Trost in den Büchern, die so um mich lagen oder standen.
In The Great Gatsby, einem meiner Lieblingsklassiker, steht der Satz:
“I was within and without, simultaneously enchanted and repelled by the inexhaustible variety of life.”
Und kein Satz beschreibt diese Ambivalenz für mich gerade besser.

Seit nun bald 2 Jahren sind wir mit so viel Leid konfrontiert. Der Abschied hängt immer irgendwie über uns. Von lieben Menschen, von Gewohnheiten, vom Alltag…
Da holen mich die Verlustängste wieder stärker ein, die mich so oder so ständig irgendwie begleiten.
Ich mache mir wieder mehr Sorgen, um die Menschen um mich herum und das kann manchmal ganz schön an der Energie saugen.
Dennoch wurde mir dadurch auch etwas bewusst: “Hey! Du fühlst! Du fühlst mit!”
So lange habe ich mich verwehrt irgendjemanden an mich ranzulassen, einfach weil ich nicht damit umgehen konnte, was passiert, wenn diese Person auf einmal nicht mehr da sein sollte.
Daraus entstanden auch gute, positive Dinge, ich konnte mich zu der Person entwickeln, die ich heute bin – mit all meinen Werten und Idealen. Ich konnte mir diese Dinge bewusst machen und mich dafür entscheiden, nicht wegen der Umstände, sondern weil ich es so wollte. Ich konnte sicherer werden in meinem Empfinden, meinen Vorstellungen, meiner Identität.
Doch haben sich auch Mauern gebaut, die schlecht durchdringbar wurden.
Auch wenn diese Ängste jetzt da sind, versuche ich ihnen auch etwas Positives abzugewinnen, denn sie lassen mich wissen, dass ich es wieder zulasse, Menschen in mein Leben zu holen – selbstbestimmt und bewusst, und mit ganz viel Gefühl.

Dem diffusen Gefühl im Magen eine Sinn zuordnen, sodass es sich Schritt für Schritt auflösen kann.

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